(Köpfe am Killesberg)

Zwischen Musik, Gewerkschaft und dem Daimler

2018-03-26_Erstellung_Webinhalte_02_Ausgabe2419

Nach dem Studium in Freiburg und München mit anschließenden Berufsjahren in der Bayernmetropole nahm der ehemalige Gewerkschaftsmeister Jürgen Stamm die Ausfahrt nach Stuttgart – zunächst wegen der Liebe zu seiner Frau, wie er sagt. Im Laufe vieler Jahre hat Stamm dann aber trotz seiner aufreibenden Gewerkschaftsarbeit zwischen Betrieben und Arbeitnehmern die Region um Stuttgart kennen- und lieben gelernt. Auch deshalb wohnt er noch heute hier, liebt den Killesberg mit seinen Vorzügen und befürchtet doch, dass in seiner Wahlheimatstadt das Unverwechselbare flöten gehen könnte.

mein.killesberg: Herr Stamm, Sie sind gerade von einer kleinen Reise zurückgekommen – haben Sie sich gut erholt?

Stamm: Die Reise diente eher dem Interesse als der Erholung. Als Jugendlicher bin ich häufig mit Freunden im VW-Bus auf der Suche nach „Klassischen Stätten“ mit der „Griechenlandkunde“ von Kirsten Kraiker unterm Arm auf abenteuerlichen Straßen durch Griechenland gefahren. Auf Kreta war ich bisher nicht. Daher der Besuch in den letzten Tagen.

mein.killesberg: Wie ist generell die Balance bei Ihnen zwischen Noch-aktiv- Sein und Erholung beziehungsweise einer ruhigeren Phase? Und inwieweit trägt dazu die naturnahe Lage des Killesbergs bei?

Stamm: Die teilweise sehr arbeitsreichen Phasen meines Lebens habe ich hinter mir. Daher ist die Balance zwischen Belastung und Erholung nicht mehr so erforderlich. Ich habe ausreichend Zeit zu tun, was mir Spaß macht oder mich interessiert. Öffentliche Auftritte oder Referate sind eher selten geworden.

mein.killesberg: Sie leben hier am Killesberg – was gefällt Ihnen daran besonders?

Stamm: Die fußläufige Nähe über die Stäffele zur Innenstadt bei gleichzeitiger Ruhe im Grünen mit netten Nachbarn, die einem aber auch räumlich nicht zu nahe rücken. Wir sind hier zu Fuß nicht nur schnell im Höhenpark, sondern auch im Wald oder am Bärensee.

mein.killesberg: Der Beruf gab bei Ihnen den Ausschlag für Stuttgart als Wohnort?

Stamm: Es war nicht der Beruf allein. Bei den Musikern (Gewerkschaft Kunst im Deutschen Gewerkschaftsbund DGB) wäre ich auch gerne geblieben. Der Beruf hat mich interessiert, aber drängender war der Wunsch, mit meiner Frau am gleichen Ort zu leben und zu arbeiten. Wir kannten uns von der Uni München, haben auch zusammengewohnt, waren dann aber aus beruflichen Gründen lange örtlich getrennt.

mein.killesberg: Die Gewerkschaftsarbeit hat die intensivere Beziehung zur Musik etwas „verdrängt“ – können Sie uns kurz Ihre Laufbahn skizzieren?

Stamm: Zwischen Abitur und Studium habe ich in einem Metallbetrieb gearbeitet. Dort fand ich die IG Metall, der ich als Referent in Jugendseminaren auch während des Studiums verbunden blieb. Während der Schulzeit in der Rudolf-Steiner-Schule wurde ich zum Geigenunterricht geschickt, weil der Musiklehrer Streicher für sein Orchester brauchte. Vielleicht hätte ich lieber Trompete gelernt. Gebracht habe ich es nur bis ins Schulorchester. Später auf dem naturwissenschaftlichen Gymnasium ließ die Beschäftigung mit dem Instrument nach. Geige muss man perfekt spielen oder lieber gar nicht. Als in München mit Unterstützung der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) eine Gewerkschaft für Musikschullehrer, konzertierende Künstler und freiberufliche Musikerzieher (GDMK) gegründet wurde, war ein Gewerkschafter gesucht, der gleichzeitig eine mentale Nähe zum Umfeld der Mitglieder hat. Ein Hilfegesuch bei der Abteilung Kulturpolitik des DGB führte zu mir. Erste Gespräche mit den „Neugründern“ weckten meine Neugier sehr stark. Ich wurde Bundessekretär der neuen Gewerkschaft mit anderen Verbänden der Gewerkschaft Kunst im DGB. Nachdem Franz Steinkühler meine Frau zur IG Metall nach Stuttgart holte, entwickelte sich eine Nähe, die mich veranlasste, ebenfalls nach Stuttgart zur IG Metall zu wechseln. Ich wurde zunächst Sekretär der IG Metall Stuttgart, betreute die Betriebe auf den Fildern, die Kodak AG und in den späten achtziger Jahren den Daimler in Untertürkheim.

mein.killesberg: Das hört sich spannend und aufreibend an. Welche Rolle spielt die Musik denn heute noch in Ihrem Leben?

Stamm: Nur noch eine passive. Ich höre Tonträger, gehe oft und gerne in Konzerte und die Oper, was gerade in Stuttgart ein besonderer Genuss ist.

mein.killesberg: Spielen Sie noch ein Instrument?

Stamm: Nein, besser nicht.

mein.killesberg: Sie leben in Stuttgart- Nord beziehungsweise Killesberg. Andererseits haben Sie unter anderem durch den Beruf schon viele andere Flecken auf der Welt kennengelernt – welche Unterschiede konnten Sie registrieren?

Stamm: Selbst in Beijing oder in Shanghai horchten die Chinesen in der Vorstellungsrunde bei den Worten Daimler und Bosch auf. Die Region ist wegen ihres Erfindungsreichtums weltbekannt – über das Verlagswesen, Dichter und Denker müssen wir erst gar nicht reden. Stuttgart ist gleichwohl nicht München oder Berlin, aber es liegt in einer wunderschönen, stadtnahen Landschaft. Wo reichen schon die Weinberge fast bis zum Bahnhof? Wo ist man so schnell in Straßburg oder in Zürich?

mein.killesberg: Inwieweit kann Stuttgart mit „der Welt“ mithalten?

Stamm: Hier sind viele nützliche Dinge ersonnen worden, die das Leben erleichtern oder bereichern. Auch effektive und intelligente Verfahren, um sie herzustellen. Kunst und Kultur fanden Aufmerksamkeit und Förderung. Wenn wir uns künftig nicht nur fragen, womit sich schnell Geld verdienen lässt, sondern auch, was uns die Dinge nützen, welchen Gebrauchswert sie haben, um zu wissen, was sie wert sind, dann haben wir eine Zukunft.

mein.killesberg: Und wo fehlt es aktuell hier noch?

Stamm: Ein efffektiver, nutzfähiger Kopfbahnhof, mehr unverwechselbare Geschäfte wie beispielsweise das Tabacum oder Knopf Berger in der Calwer statt H&M und Co. Wünschenswert wäre auch eine Königstraße mit Wiedererkennungseffekt. Es muss ja hier nicht so ausschauen wie in den anderen Vorzeigestraßen, sagen wir etwa von Wuppertal, Düsseldorf oder Rom.

mein.killesberg: Herr Stamm, vielen Dank für das nette Gespräch.



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