(Köpfe am Killesberg)

„Wichtig, dass der Killesberg mit seinen Bewohnern neue Wege geht“

2018-06-01_Erstellung_Webinhalte_02_Ausgabe2519

Von der Elbe an den Neckar hat es sie der Heirat wegen verschlagen. Längst ist Anke Roeder-Barz hier heimisch, hat einen Großteil ihres Lebens am Killesberg verbracht, in Stuttgart gearbeitet, und dem Killesberg und seinen Bewohnern als Leiterin des Café Welcome viel Engagement entgegengebracht und dadurch bis heute Werte und Überzeugungen vermittelt.

mein.killesberg: Frau Roeder-Barz, Sie fungieren als Koordinatorin des „Café Welcome“, einer Einrichtung der Brenz- Kirche: Wie sind Sie dazu gekommen beziehungsweise was ist Ihre Motivation dazu?

Roeder-Barz: Durch einen Aufruf innerhalb der Brenz-Gemeinde. Meine Motivation war, als Gemeindeglied etwas dazu beizutragen, den Flüchtlingen, die in die Container an der Roten Wand einziehen würden, herzlich und offen zu begegnen und mich für sie ehrenamtlich zu engagieren. Es sollte eine Anlaufstelle, ein Treffpunkt, ein Ruhepunkt für die Ankommenden aus Nahost und Afrika werden.

mein.killesberg: Können Sie denjenigen Lesern, die das Café noch nicht kennen, beschreiben, was dessen Inhalt und Zweck ist?

Roeder-Barz: Anfang 2016 wurde der Freundeskreis Killesberg durch Pfarrer Fischer und die Kirchengemeinderätin Bärbel Mohrmann ins Leben gerufen. Verschiedene Möglichkeiten der Mitarbeit wurden an diesem Abend besprochen. Ich entschied mich spontan für das zu gründende Café, das heute unser Café Welcome ist. Montags und mittwochs ist es von 15 Uhr bis etwa 18 Uhr geöffnet. Wir haben Tische und Stühle für rund 50 Personen, eine Tischtennisplatte, einen großen Sandkasten und natürlich unser Buffet mit wunderbaren Kuchen, die zumeist von Ehrenamtlichen gespendet werden. Mittwochs haben wir auch gespendeten Kuchen vom Bäcker Treiber. Wir machen Hausaufgabenbetreuung mit den Erwachsenen und den Kindern, wir machen Brettspiele, wir üben das Alphabet und die Uhrzeit, wir helfen bei Fragen des täglichen Lebens, soweit wir es können, und führen natürlich nette, anregende Gespräche mit unseren Gästen. Viele unserer Gäste, die sehr früh zur Anhörung zum BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) nach Karlsruhe müssen, werden von Ehrenamtlichen in Privatwagen begleitet und unterstützt. Wir laden alle Interessierten ein, gegen 16 Uhr ins Café zu kommen. Die Kinder suchen immer Menschen zum Uno-Spielen, zum Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen und einfach zum Zusammensein. Sprachschwierigkeiten haben die Kinder nicht. Trotz teilweise noch geringer Deutschkenntnisse: „Bitte spielen“ geht immer.

mein.killesberg: Was bedeutet Ihnen dieses Ehrenamt?

Roeder-Barz: Es ist für mich eine Bereicherung, hier anwesend zu sein und dazu beizutragen, dass unsere Gäste gerne zu uns kommen, ganz regelmäßig, auch wenn sie schon nicht mehr bei uns wohnen.

mein.killesberg: Was müssen Sie dafür an Zeit und auch Organisation investieren?

Roeder-Barz: Ich bin nun beinahe seit zwei Jahren an zwei Tagen in der Woche als Koordinatorin vom Café beschäftigt. Da ich am Montag und am Mittwoch morgens sportliche Termine habe, habe ich also zwei Tage, die voll besetzt sind und natürlich an anderer Ecke fehlen. Aber Organisation ist das halbe Leben – das ist mein Motto.

mein.killesberg: Wer kann ins Café kommen? Und wie funktioniert das?

Roeder-Barz: Uns sind alle Menschen willkommen, konkret also „unsere“ Flüchtlinge, Flüchtlinge aus anderen Unterkünften, Nachbarn sowie sonstige Gäste, die zum Besuch bei unseren Bewohnern sind. Es sind immer Ehrenamtliche da, die auf die Gäste zugehen und sie begrüßen.

mein.killesberg: Was tragen die Flüchtlinge zur Veränderung des Killesbergs bei?

Roeder-Barz: Eine Menge, denn sie leben unter uns. Die Angst vor Überfremdung, vor Gewalt hat sich zum Glück – zumindest nicht sichtbar für uns Killesberger – nicht bewahrheitet, von Ausnahmen natürlich immer abgesehen. Die Flüchtlinge leben nicht nur in den Containern, sie sind in unseren Wohnbezirk gekommen, sie sind im täglichen Leben präsent – sei es im Bus oder auf der Killesberghöhe. Die Menschen beginnen, sich an sie zu gewöhnen und sie Mitmenschen und Mitbürger werden zu lassen. Ich fände es schön, wenn sich unsere neuen Nachbarn in unsere Gesellschaft integrieren könnten, weil wir sie aufnehmen und sie als Menschen respektieren, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind und all die Strapazen auf sich genommen haben, ehe sie unser friedliches Land erreicht haben.

mein.killesberg: „Verträgt“ der Killesberg das oder warum läuft es so positiv?

Roeder-Barz: Selbstverständlich verträgt der Killesberg diese Veränderung. Im Zeitalter der Globalisierung ist es wichtig, dass auch der Killesberg mit seinen Bewohnern neue Wege geht. Die Menschen müssen offen für Veränderungen und die Vielfalt der Menschheit sein. Neue Wohngebiete sind am Killesberg entstanden und bald wird auch die Rote Wand mit ganz unterschiedlichen Wohnformen und auch unterschiedlichen Menschengruppen bebaut. Das ist gut so. So entsteht eine bunte Vielfalt von Menschen in unserem Viertel. Auch unser regelmäßiger Café-Treff mit unserem Bemühen um Glaube, Liebe, Hoffnung trägt viel zu dieser Veränderung bei, und darum ist es ganz wichtig, dass wir unsere Integrationsarbeit auch weiterhin betreiben.

mein.killesberg: Was prägt denn Ihr Leben abseits des Cafés?

Roeder-Barz: Da ist vor allem meine Familie mit Kindern, Schwiegerkindern und meinen fünf Enkeln. Wenn wir in der Zwischenzeit auch in alle Winde verstreut sind, durch Beruf, Studium, Ausbildung und Schule, so gibt es einen Zusammenhalt, den es zu erhalten gilt. Außerdem engagiere ich mich schon lange in der ehrenamtlichen Tätigkeit. Viele Jahre war ich an der Staatsgalerie Stuttgart im Bereich „Stuttgarter Aufbruch“ beschäftigt, einem Projekt der Robert-Bosch-Stiftung, zunächst im Bereich Besucherbetreuung, später im Projekt „Sütterlin“. Wir übersetzten alte Restaurationsberichte in Sütterlin-Schrift, die zum Teil über 40 Jahre alt und als Durchschlag vorhanden waren, und gaben sie in den Computer ein. Ich pflege Freundschaften, die zum Teil schon über viele Jahre bestehen, bin viel in der Natur bei Ausflügen und Exkursionen und genieße die Vielfalt von Kunst und Kultur in unserer Stadt.

mein.killesberg: Waren Sie schon immer Stuttgarterin?

Roeder-Barz: Ich bin gebürtige Hamburgerin und kam durch Heirat nach Stuttgart. Ich habe drei Kinder. Nach der Familienphase wurde ich wieder berufstätig. An der Universität Stuttgart arbeitete ich an einem Institut mit 700 immatrikulierten Studenten. Ich war im Bereich Finanzen tätig und für die gesamte Administration des Instituts zuständig. Ich arbeitete später beim Städtetag Baden-Württemberg und arbeitete im Referat Schule und Kultur. In dieser Abteilung fand die Einführung der Digitalisierung der Korrespondenz mit allen Ministerien statt – der Beginn der papierlosen Arbeitswelt bei den Mitgliedern. Eine große Herausforderung. Wir lebten als Familie viele Jahre auf dem Killesberg. Noch heute sind meine erwachsenen Kinder ihm sehr verbunden und wir alle sind seit vielen Jahren zu echten Killesbergern geworden. Durch meinen Umzug vor einigen Jahren habe ich den Killesberg nicht verlassen. Ich habe in meinem neuen Zuhause mein soziales Umfeld behalten, inklusive des hohen Wohnwerts im Grünen und der Möglichkeit, doch in kurzer Zeit mitten im pulsierenden Leben der Innenstadt zu sein. Die Nähe zu meinen Kindern und Enkeln ist ebenso gegeben wie die Einkaufsmöglichkeiten, der Erhalt von Freundschaften in der Nähe und der Sportverein MTV.

mein.killesberg: Und was bedeutet der Killesberg für Sie?

Roeder-Barz: Mit dem Killesberg verbindet mich viel. Ich lebe hier seit vielen Jahren. Er ist mir in allen Ecken bekannt und vertraut. Ich wünsche mir, dass das noch lange so bleiben kann. Für mich kann es keinen schöneren Lebensmittelpunkt geben.

mein.killesberg: Sie haben drei Wünsche frei für Stuttgart – welche wären das?

Roeder-Barz: Ein Stadtteilzentrum am Killesberg als Ort der Begegnung zwischen den Generationen und Kulturen mit vielen Angeboten, die Verdrängung des Autoverkehrs aus der Stadt sowie bezahlbarer Wohnraum für alle Menschen, die es nach Stuttgart zieht.

mein.killesberg: Frau Roeder-Barz, vielen Dank für das Gespräch.


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