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Vom Punker bis zum Banker

(© wagenhallen.de)
(© wagenhallen.de)

Wo Stuttgart anders feiert: Die Wagenhallen Stuttgart sind im siebten Jahr ihres Bestehens als Konzertund Kulturraum „in“, quer durch Party- und Feierszene, Bevölkerung und Alter. Was die Initiatoren und Betreiber Thorsten Gutbrod und Stefan Mellmann 2008 als Provisorium auf ein Jahr befristet starteten, hat sich immer weiter entwickelt. Parallel zur Breite des Programms wurde auch das Provisorium immer wieder verlängert – und steht nun vor einer dauerhaften Veränderung. Für 2018 ist der (Neu)Start in einer deutlich erweiterten Kapazität geplant.

Mitten zwischen Dienstleistungszentren und Bahnlinien, Industriebetrieben und umliegenden Wohngebieten gibt es eine wilde, eher unstrukturierte Fläche im Areal Innerer Nordbahnhof, auf der alternatives, kreatives und künstlerisches Leben blüht. Auf dem Gelände eines ehemaligen Ausbesserungswerkes und Lagerplatzes für Gerätschaften der Bahn hat sich unter anderem der „Kunstverein Wagenhallen“ – er stellt Künstlern Ateliers und Arbeitsräume zur Verfügung und führt Ausstellungen durch – etabliert und gleich daneben der „Kulturbetrieb Wagenhallen“.
Bei Letztgenanntem hat alles „mit zehn Lampen und zwei Boxen angefangen“, erinnert sich Stefan Mellmann. Er ist neben Thorsten Gutbrod einer der Betreiber des Kulturbetriebs Wagenhallen. Mittlerweile sind die Wagenhallen ein Ort, der mit seinen Kultur- und Konzertveranstaltungen und seiner Atmosphäre ein etablierter Stuttgart-Bestandteil ist.
Mehrere Faktoren waren laut Mellmann dafür ausschlaggebend. „Vorteilhaft war sicherlich unser Anfangsenthusiasmus. Wir wollten einfach starten und hatten Lust dazu, diesen Ort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Dazu gehörte natürlich auch, alles erst einmal selbst zu machen – von der Bar, über das Kochen bis hin zur Musik. Dass das Projekt als Provisorium angelegt war, kam den beiden anfangs sogar zu Hilfe. „So konnten und mussten wir erst gar nicht ein langfristiges Konzept aufstellen.“
Kulturveranstaltungen wie Stummfilme mit Live-Vertonung und Events der Freien Theaterszene wechselten sich mit Partyreihen und Konzerten ab. Und das kam gut an. „Wir hatten unmittelbar einen Bedarf geschaffen, dem man schnell anmerkte, dass es ihn gibt.“
Bands und Künstler wie beispielsweise Jan Delay, Maceo Parker, Nouvelle Vague, Konstantin Wecker oder Kraftklub belegen die Qualität und gleichzeitig das Spektrum der Wagenhallen. Zu den monatlichen Partyreihen wie Balkan-Party oder Elektro Swing, regelmäßigen Nachtflohmärkten (etwa achtmal im Jahr) oder der Veranstaltung Kunstkaufhaus in der Vorweihnachtszeit dienen die Wagenhallen auch als Kulisse für private Feiern, Festlichkeiten und Firmenevents. „Bei uns feierten schon Stammgäste, verschiedene Banken und auch Firmen wie Porsche, Jaguar oder Daimler“, zählt Mellmann nicht ganz ohne Stolz auf.
Insbesondere die Atmosphäre und die Räumlichkeiten tragen zu dieser Authentizität bei. Zudem merken die Besucher, dass wir ein Betrieb mit Gesichtern sind, die zu dem stehen was hier läuft“, betont der Betreiber. Persönliche Atmosphäre, Familiencharakter und hohe Identifikation sind dazu die Schlüsselwörter. Sowohl nach in-nen als auch nach außen stellt Stefan Mellmann als Bilanz der vergangenen Jahre zudem fest: „Es ist eben ein Ort, der die Fähigkeit besitzt, unheimlich viele Menschen zu inspirieren – vom Punker bis zum Banker.“
So weit so gut, doch mit einem Provisorium lässt es sich eben auf Dauer dann doch schlechter planen. „Darum hatten wir 2010 eine Verlängerung mit deutlich längerer Laufzeit beantragt.“ Was dann auch genehmigt wurde und woraufhin die Betreiber weitere Investitionen tätigten. Ein Außen-Biergarten wurde installiert und im Inneren wurden sanitäre Anlagen geschaffen, die beinahe schon an Kunstobjekte erinnern. Und standen schon zuvor der Haltepunkt Nordbahnhof und die Stadtbahnhaltestelle Eckartshaldenweg für eine kurze, fußläufige Anreise, wurde dann auch dem Individualverkehr mit einer asphaltierten Zufahrt von der Heilbronner Straße unter die Arme gegriffen. Immerhin stehen nun rund 200 kostenlose Parkplätze in direkter Nähe zu den Wagenhallen bereit.
„Wichtig war aber auch, dass wir nun Planungssicherheit hatten und vorausschauend agieren konnten.“ Sicherlich eine Basis dafür, dass mittlerweile acht Festangestellte in den Betrieb mit eingebunden werden konnten. „Das erlaubt uns, alle wichtigen Bausteine für Fest oder Partyevent aus einer Hand anzubieten“, erläutert Stefan Mellmann. Dazu gehören neben eigenem Haus-DJ und Musikanlage auch eine eigene Eventagentur sowie eigenes Catering. „Zudem haben wir somit jüngere Mitarbeiter integriert, die uns auch neue, junge Einflüsse mitbringen.“ Damit bleiben die Wagenhallen sozusagen auf dem neuesten Stand – schließlich ist die Szene eine junge Szene – ohne, dass der eigene Stil dabei verloren ginge.
Und ab 2018 findet dann eben alles in einem noch größeren Rahmen statt. Statt wie bislang rund 800 Leuten im Hauptveranstaltungsraum plus Foyer Platz bieten zu können, werden es dann 2100 sein. Doch zuvor findet am 20. September die Premiere von „Good Food“ statt, eine laut Stefan Mellmann „Messe der regionalen Erzeuger“. Diese wiederum sind live vor Ort und die Besucher können dann direkte Kontakte zu regionalen Bauern und Handwerk knüpfen.
Also alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz, denn es gibt auch Befürchtungen von offizieller Seite, wie etwa dem Bezirksbeirat-Nord. So etwa kritisiert das Gremium, dass die deutliche Kapazitätserweiterung wohl auch erheblich Lärmprobleme durch die Zunahme der – vor allem zu vorgerückter Stunde – abfahrenden Besucherautos verursache. Zudem dürfe durch die anstehende Sanierung der bauliche Charakter der Wagenhallen nicht verloren gehen. Stefan Mellmann dagegen sieht in der Erweiterung vor allem auch die Chance, solche Künstler in die Wagenhallen zu bekommen, die dann aufgrund der verbesserten Struktur die Bandbreite noch mal vergrößern können.



KONTAKTDATEN

Mehr Informationen auf
www.wagenhallen.de oder
www.kunstverein-wagenhalle.de


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