(Geschichte)

Internationales Vagabundentreffen im Freidenkerheim 1928

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An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Auszüge aus dem Buch „Der Killesberg – Ein Volkspark und seine Geschichte“ von Jörg Kurz. Im zehnten Teil unserer Serie berichtet uns der Autor über das internationale Vagabundentreffen im Freidenkerheim 1928.

Wie ein Lauffeuer ging es Ende 1928 durch die Armenspeisungen, Obdachlosenasyle und Gefängnisse Europas, dass der Schriftsteller Gregor Gog alle Tippelbrüder und -schwestern zu einem Kongress auf den Stuttgarter Killesberg geladen hatte. Gog hatte nach einem abenteuerlichen Leben 1924 in Stuttgart die bekannte Jugendbuchautorin Anni Geiger geheiratet. Mit ihr lebte er in einem kleinen Blockhäuschen im Betzengaiern in Stuttgart- Sonnenberg. Dort rief Gog die „Bruderschaft der Vagabunden“ ins Leben, die alle „Kunden“, alle frei umherziehenden Arbeits- und Obdachlosen, aber auch Straßensänger und Musiker, alle, die sich das Leben auf der Straße erwählt hatten, sammeln sollte. Für sie brachte er als Schriftleiter die Zeitschrift „Der Kunde“ heraus. Zu Pfingsten 1929 organisierte Gog, der von der Presse inzwischen als „Vagabundenkönig“ tituliert wurde, das erste „Europäische und internationale Vagabundentreffen“. Obwohl man die ganze Geschichte im bürgerlichen Stuttgart „unter der Decke halten wollte“, wurde das Treffen weltweit von der Presse kommentiert. Die Behörden der Stadt erwarteten eine Flut von Obdachlosen und stellten Notprogramme auf, auch viele Bürger fürchteten um ihr Hab und Gut. Zu dem ungewöhnlichen Treffen kamen dann auch tatsächlich verwegene Gestalten auf den Killesberg: „Glücklicherweise wurde der Pferch außerhalb der Stadt in einem Freidenkerheim aufgeschlagen“, schrieb damals hämisch der „Schwäbische Merkur“. Der Freidenkergarten mit seinem einfachen Holzhaus lag ebenfalls im Akazienwäldchen am Killesberg. Allerdings war die Aufregung der Bürger umsonst, denn es kamen weit weniger Teilnehmer als befürchtet worden war. Gog begrüßte seine Gäste mit den Worten: „So wie der Meister der Vagabunden, Jesus, kämpfte gegen diese Welt, Hohepriester, Pharisäer, Händler und Fürsten, so kämpft der Vagabund weiter und fort!“ Die Teilnehmer diskutierten friedlich miteinander, Dichter rezitierten ihre Werke, die Maler Max Ackermann und Hans Tombrock zeigten ihre Bilder. Sogar der Süddeutsche Rundfunk setzte einen Vagabunden- Abend aufs Programm. Die Dichter Sinclair Lewis, Knut Hamsun und Maxim Gorki hatten Grußtelegramme geschickt. Bei den Veranstaltungen überwogen allerdings die Neugierigen; die Pressefotografen stürzten sich auf besonders pittoreske Gestalten. Nach wenigen Tagen war der ganze Spuk wieder vorbei.


KONTAKTDATEN

„Der Killesberg – Ein Volkspark und
seine Geschichte“ von Jörg Kurz ist im
Hampp Verlag erschienen.
Mehr Infos und weitere interessante
Bücher: www.hamppverlag.de


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