KÖPFE AM KILLESBERG

„Entzugserscheinungen ohne Brezeln“

Anja Wicker
Anja Wicker

Sie ist viel unterwegs, fiebert den Paralympics im März in Pyeongchang, Südkorea entgegen und freut sich nach wochenlangen Auslandsaufenthalten auf „ihr“ Stuttgart: Anja Wicker ist eine querschnittsgelähmte Handbike-Sportlerin. Sie erklärt uns in unserem Interview, in welchen Bereichen Russland und die USA vorne liegen und warum Stuttgart überall mithalten kann.

mein.killesberg: Frau Wicker, zunächst einmal die Frage, mit was Sie sich aktuell beschäftigen?

Wicker: Ich stecke gerade mitten in der Vorbereitung für die kommende Saison. In fünf Wochen findet der erste Weltcup in Canmore, Kanada statt. Daher geht es gerade mit der Nationalmannschaft von einem Lehrgang zum nächsten. Aber der eigentliche Saisonhöhepunkt ist im März. Dann finden die Paralympics in Pyeongchang, Südkorea statt.

mein.killesberg: Sport spielt eine zentrale Rolle in Ihrem Leben – seit wann betreiben Sie Ihre Sportart?

Wicker: Meine Eltern haben mich früh viele verschiedene Sportarten ausprobieren lassen – wie zum Beispiel Tennis, Fechten oder Basketball. Schließlich bin ich beim Handbike hängen geblieben und darüber zum Langlauf gekommen. Seit 2006 ist das meine Hauptsportart.

mein.killesberg: Und was können sich unsere Leser darunter genau vorstellen?

Wicker: Mein Sportgerät beim Langlauf wird Schlitten genannt. Je nach Behinderung sind das ganz unterschiedlich aussehende Geräte. Bei mir ist es ein Sitz, an dem ganz normale Langlaufski befestigt werden. Mit diversen Gurten fixiere ich mich am Schlitten – man muss praktisch zu einer Einheit verschmelzen, um optimal vorwärts zu kommen. Mit Stöcken schiebe ich den Schlitten an.

mein.killesberg: Was müssen Sie dafür an Zeit und auch Organisation investieren?

Wicker: Bei mir dreht sich alles um den Sport. Ich trainiere jeden Tag, oft auch zweimal täglich. Da bleibt kaum Zeit für etwas anderes. Im Winter bin ich zudem viel auf Lehrgängen und Wettkämpfen unterwegs. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich mehrere Wochen nicht nach Hause komme. Mein Vater ist gleichzeitig mein Heimtrainer; er ist bei jeder Trainingseinheit dabei.

mein.killesberg: Wie lässt sich das mit Ihrem Studium vereinbaren? Muss man Abstriche machen?

Wicker: Ich studiere Sportmanagement. Aufgrund des Sports bin ich seit einiger Zeit an einer Fernhochschule, der SRH Riedlingen. Da ich im Wintersemester kaum die Möglichkeit hatte, an die Uni zu gehen, und dadurch viel verpasst habe, ist das Fernstudium die beste Variante für mich, Sport und Weiterbildung zu vereinbaren. Aber auch hier kann ich nicht in der Regelstudienzeit fertig werden.

mein.killesberg: Andererseits gibt Ihnen vermutlich der Sport auch viel zurück: Wie würden Sie dies beschreiben?

Wicker: Der Sport ermöglicht mir, in der Welt herumzukommen. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt. Man kann sich mit anderen Athleten austauschen, wie sie ihren Alltag in dem jeweiligen Land bewältigen. Man sieht, was in Deutschland gut funktioniert oder an welchen Ecken es bei uns noch Aufholbedarf gibt. Außerdem lernt man viel über sich selbst, da man sich permanent in Grenzsituationen bewegt. Das Selbstvertrauen und der Glaube an sich und seine Fähigkeiten werden enorm gestärkt.

mein.killesberg: Wie bereiten Sie sich auf die unterschiedlichen Wettbewerbe vor?

Wicker: Die Saison geht von Anfang Dezember bis Ende März. Der April ist zum Erholen da. Am 1. Mai beginnt schon wieder die Vorbereitung für die neue Saison. Dann heißt es viele Kilometer auf den Skirollern sammeln und einige Zeit im Kraftraum verbringen. Je näher der Winter rückt, desto intensiver werden die Einheiten. Meistens gibt es einen bestimmten Saisonhöhepunkt wie die Paralympics oder Weltmeisterschaften, auf die ich mich besonders konzentriere.

mein.killesberg: Sie leben in Stuttgart-Nord beziehungsweise Killesberg und trainieren hier auch im Heimatverein MTV Stuttgart. Andererseits haben Sie unter anderem durch den Sport schon viele andere Flecken auf der Welt kennengelernt – welche Unterschiede konnten Sie registrieren?

Wicker: Wie schon erwähnt, gibt es im Umgang mit Behinderten von Land zu Land Unterschiede. Aber natürlich auch in der Kultur allgemein. In Russland zum Beispiel ist der Sport für die paralympischen Athleten oft der einzige Weg aus der Armut. Viele der Athleten sind in Kinderheimen aufgewachsen. Da steckt eine ganz andere Motivation dahinter als bei uns. Sie bekommen viel höhere finanzielle Unterstützung und Siegprämien. Ich kann nicht davon leben.

mein.killesberg: Kann Stuttgart mit „der Welt“ mithalten?

Wicker: Was die Preise betrifft, auf jeden Fall. (lacht) Was den Sport betrifft, sind wir eher weniger in Großstädten unterwegs; daher ist der Vergleich schwer. Aber da ich sonst auch gerne in meiner begrenzten Freizeit reise, kann ich sagen, dass im Vergleich zu den USA etwa noch einiges bei uns zu tun ist, was die Barrierefreiheit betrifft.

mein.killesberg: Was bedeutet Stuttgart für Sie?

Wicker: Stuttgart ist Heimat. Wenn man so viel unterwegs ist, gibt es nichts Schöneres, als nach Hause zu kommen. Ein paar Wochen ohne Brezeln und ich bekomme richtige Entzugserscheinungen.

mein.killesberg: Ihr Lebensmotto ist laut Homepage „no risk, no fun“ – was war bislang die aufregendste oder gefährlichste Situation, in die Sie sich begeben haben oder begeben mussten?

Wicker: Na ja, das betrifft vor allem sportliche Situationen. Besonders in Wettkämpfen muss man viel riskieren, um vorne mitzumischen. Manchmal geht es schief, aber wenn es klappt, ist es umso besser. Das betrifft die Renneinteilung, aber vor allem das Schießen. Außerdem ist der Leistungsdruck sehr groß, wenn alles hinter dem Sport anstehen muss. Da will ich mir beweisen, dass es sich lohnt – was zum Glück geklappt hat.

mein.killesberg: Frau Wicker, vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen und viel Glück für die sportlichen Ziele in Südkorea.



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