KÖPFE AM KILLESBERG

Der reisende Design-Professor

Der Mann mit dem gepackten Geländewagen:
In seinem Wohnviertel ist Eberhard Holder – Autor, Professor für Gestaltung und Zeichnen und Industriedesigner – vor allem als Weltenbummler bekannt. Warum für ihn Reisen mehr als nur ein Hobby ist, nämlich eine Art Weltanschauung, erzählt er in unserem Interview – und zeigt das in einer gemeinsamen Ausstellung mit seinem Reisegefährten Micha Klein, in der die titelgebenden „Reisebegleiter“ eine wichtige Rolle spielen.

mein.killesberg: Herr Holder, sind denn die Koffer schon wieder gepackt beziehungsweise welches Reiseziel steht an?

Holder: Zuerst sind wir für eine Kurzreise in Kreta, bevor es dann wieder für drei Monate nach Istanbul geht. Dort werde ich mit Spaziergängen meine begonnenen Erkundungen dieser historischen und faszinierenden Stadt fortsetzen und die Erkenntnisse mit Skizzen und ausführlichen Notizen dokumentieren.

mein.killesberg: Wie lässt sich Ihr Hobby des Reisens mit dem Beruf und dem Alltag verbinden?

Holder: Reisen ist für mich mehr als ein Hobby. Wenn ich einen Ort besuche, verlasse ich ihn mit einigen Erkenntnissen, aber auch mit vielen Fragen. Diesen offenen Fragen nachzugehen, sich von ihnen treiben zu lassen, Fakten zu verknüpfen, um ein großes Bild zu formen – das bedeutet für mich Reisen. Das Literaturstudium im Alltag, eine Art imaginäres Reisen, verknüpft die architektonischen Skizzen und Notizen vor Ort und bildet die Grundlage für neue Reiseziele. Die Beobachtungen und Zeichnungen sind auch Teil meiner Vorlesungen zur Gestaltung und zeichnerischen Darstellung an der Fakultät für Architektur und Gestaltung an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Für Exkursionen und Hochschulprojekte kommen mir meine Reiseerfahrungen und Kontakte im Ausland zugute. So zum Beispiel vor einigen Jahren bei einem Lehmbauprojekt in Marokko oder gerade im Mai bei einem Besuch mit Studierenden in Marrakech, wo sie die Atmosphäre der Stadt zeichnerisch erkundet haben.

mein.killesberg: Welche Länder haben es Ihnen besonders angetan? Was war beeindruckend?

Holder: Der Iran. Selten wurde in den letzten Jahren so viel über ein Land geschrieben wie den Iran – meist politisch, historisch und wirtschaftlich. Gleichzeitig war es für mich immer schwierig, eine persönliche Vorstellung frei von Klischees über das Land, die Kultur und die Menschen zu gewinnen. Bei meiner sechsmonatigen Reise mit dem Geländewagen von Stuttgart in die Mongolei habe ich im Iran große Gastfreundschaft, besondere Zuneigung zu den Deutschen, geografische Vielfalt, vielschichtige Geschichte, berührende Poesie und außergewöhnliche Gartengestaltung erfahren. Bei meinem Vortrag an der Architekturfakultät der Universität Teheran war ich beeindruckt von der Aufgeschlossenheit und dem hohen Bildungsniveau der iranischen Studierenden.

mein.killesberg: Reisen ist Ihnen wichtig – was bedeutet Ihnen Ihr Beruf?

Holder: Gestalter zu sein, ist mehr als ein Beruf, es ist wahrscheinlich eine Form von Berufung. Die Gestaltung durchdringt alle Lebenslagen, natürlich die professionelle Tätigkeit, aber auch das weltanschauliche Denken und Handeln.

mein.killesberg: Wie sind Sie zu diesem gekommen? Was war die Intention?

Holder: 1972 war ich für ein Jahr in London. Dort habe ich drei wesentliche Dinge für mein zukünftiges Leben erfahren bzw. gefunden. Erstens habe ich dort meine zukünftige Frau Füsun kennengelernt. Zweitens habe ich im dortigen Design Center eine Ausstellung zum Thema Industrial Design gesehen. Diese Ausstellung hat mich zum Studium des Industrial Design an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig inspiriert und meinen zukünftigen Berufsweg vorgezeichnet. Und drittens habe ich dort gelernt, mich frei in Englisch auszudrücken, was mir bei meinen internationalen Gastprofessuren die Kommunikation sehr erleichtert hat.

mein.killesberg: Inwieweit spielt in Ihrem Privatleben, beispielsweise bei der Wohnungseinrichtung oder Gebrauchsgegenständen, das Kriterium Design eine Rolle?

Holder: Inwiefern uns gut gestaltete Gebrauchsgegenstände begleiten, zum Beispiel auf Reisen, haben wir in der Ausstellung „Reisebegleiter. Richtig gute Dinge für unterwegs!“ thematisiert. Reisebegleiter für unterwegs sind Gegenstände, welche unter extremen Bedingungen funktionieren müssen. Sie sind ingeniöse Objekte, die durch ihre Reduktion auf das Wesentliche eine eigene Ästhetik entwickeln. Gebrauchsspuren erzählen Geschichten aus ihrem Leben und bekommen dadurch eine besonderen Wert für den Besitzer. Die Ausstellung „Reisebegleiter“ zeigt zahlreiche Objekte, die meinen Freund Micha Klein und mich auf unseren gemeinsamen Reisen begleitet haben. Die Ausstellung findet vom 13. September bis 5. Oktober im Design Center im Haus der Wirtschaft statt. Ein Buch zum gleichen Thema erscheint ab dem 20. September.

mein.killesberg: Waren Sie schon immer Stuttgarter oder wie sind Sie hierhergekommen?

Holder: Ich komme aus der Nähe von Heilbronn und bin nach einigen Wanderjahren in London, Braunschweig, München, Selb und Istanbul vor 32 Jahren nach Stuttgart an den Killesberg gekommen. Wir wohnen seitdem hier in der gleichen Wohnung und fühlen uns sehr wohl und heimisch.

mein.killesberg: Was gefällt Ihnen denn an der Landeshauptstadt?

Holder: Das vielfältige kulturelle Angebot, ausgezeichnete Museen, die große Zahl von Architekten, Gestaltern und Kulturschaffenden. In der Umgebung vom Killesberg gibt es hervorragende Gymnasien, Grundschulen, Kindergärten und Kitas. Die medizinische Versorgung und viele hochqualifizierte Krankenhäuser. Stuttgart ist keine Metropole, aber genau das macht seinen Charme aus. Wenn ich von meinen langen Reisen oder temporären Aufenthalten in großen Metropolen zurückkomme, genieße ich die Überschaubarkeit und Fußläufigkeit des Stuttgarter Westens und vom Killesberg. Mit den Restaurants und Geschäften gibt es langjährige Verbindungen und freundschaftliche Beziehungen.

mein.killesberg: Und was bedeutet der Killesberg für Sie? Was hat sich hier in den letzten Jahren verändert?

Holder: Gute Nachbarschaft, die Nähe zum Stadtzentrum, eine fantastische Wohnlage am Hang mit Blick über Stuttgart. Eine grüne, belebte Oase mit vielen Vogelarten und Insekten. Eine willkommene Zunahme von Cafés und Restaurants zur Pflege der nachbarschaftlichen Beziehungen und der Zuzug von mehr jungen Familien. Als wir nach Stuttgart kamen, war unser Sohn das einzige Kleinkind in der Straße. Heute leben hier viele junge Paare mit Kindern.

mein.killesberg: Und was wünschen Sie sich noch für Stuttgart?

Holder: Eigentlich bin ich wunschlos glücklich.

mein.killesberg: Herr Holder, wir danken Ihnen für das Gespräch.




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