INTEGRATION

Dem Wahnsinn in Syrien entkommen

2018-03-26_Erstellung_Webinhalte_02_Ausgabe2416

Nur „überleben und unsere Kinder retten“ – das war das primäre Ziel der syrischen Familie von Rami Qiddeh und seiner Frau Hayat Hamame, als sie sich entschlossen, aus Damaskus zu flüchten. Mittlerweile in Stuttgart, berichten sie uns von erster Erleichterung, in Sicherheit zu sein, aufkommenden Schwierigkeiten im Alltag und dem Spagat zwischen Heimat und Integration. Mit im Gespräch dabei war Issam A.- Karim, der unter anderem versucht, mit seinem Projekt RED Gastro (wir berichteten in unserer letzten Ausgabe) am Killesberg Flüchtlingsfamilien Perspektiven aufzuzeigen und nebenbei den lukullischen Genüssen der Herkunftsländer in Stuttgart eine Plattform zu geben.
Jahrelange Zerstörung und Gewalt in Syrien; zusätzlich wurde das Familiengeschäft durch einen Granateneinschlag völlig zerstört: Nicht nur der Verlust der ökonomischen Basis, sondern insbesondere die ständige Bedrohung durch Bomben und Granaten, Terror und Krieg veranlassten Rami Qiddeh und seine Familie zur Flucht. „Damals hatten wir noch kein Ziel. Wir wollten nur überleben und unsere Kinder retten“, erinnert sich der Familienvater. Angekommen in der Landeshauptstadt, war zunächst das Überleben gesichert; dennoch musste die Familie mit neuen Schwierigkeiten kämpfen. In erster Linie waren es die mangelnden Sprachkenntnisse und die daraus resultierenden Probleme beim Lesen von Amtsbriefen und beim Ausfüllen von Anträgen. „Auch die beengte Unterbringung mit vielen Menschen zusammen und eigentlich ohne Privatsphäre“, schildert der Familienvater als äußerst schwierig. „Bei unserer Ankunft in Stuttgart wurden wir in einem umfunktionierten Altersheim untergebracht. Meine Familie und ich teilten uns ein Zimmer mit etwa zehn Quadratmetern mit WC.“ Das Badezimmer und die Küche befanden sich in gemeinschaftlichen Nebenräumen, zu denen sie über einen Flur gelangten. „Durch den Umzug in sogenannte ‚Fertigbauten‘ haben wir einen weiteren Raum erhalten. Das ist natürlich besser, aber mit drei Kindern leider nicht ausreichend.“ Bei schlechtem Wetter können die Kinder nicht raus zum Spielen. Somit fällt den Erwachsenen und den Kindern dann schnell die Decke auf den Kopf. Ergänzend zur Wohnsituation war zu Beginn nicht zuletzt auch der Umstand, nichts zu tun zu haben, ein schlimmer Faktor. Doch es gibt Positives zu berichten. „Jetzt hat sich durch die Sprachkenntnisse die Situation für uns deutlich verbessert. Kleinere Behördengänge können wir jetzt alleine erledigen und einfache Sätze verstehen und beantworten.“ Und Rami Qiddeh hat „kürzlich seine Führerscheinprüfung bestanden. Dadurch erhoffe ich mir mehr Flexibilität bei der Jobsuche auf dem Arbeitsmarkt“. Die Familie hat erkannt, dass die Zukunft – vorerst – wohl hier liegt. „Wenn wir die Nachrichtenbilder anschauen, wird uns bewusst, dass wir in naher Zukunft nicht zurück können. Daher sehen wir hier in Deutschland unsere Zukunft und unsere Heimat. Hier haben wir trotz der schwierigen Wohnsituation ein Dach über dem Kopf und vor allem Schutz bekommen. Alles, was wir für den Start brauchen, ist: Arbeit und eine Wohnung. Alles andere will ich durch meine Arbeit für meine Familie und mich aufbauen. Wir sind genügsam und sparsam, aber auch dankbar, hier leben zu können und dem Wahnsinn in Syrien entkommen zu sein.“ Und wie schätzt er den Stand der bisherigen Integration ein? Durch die verbesserten Sprachkenntnisse habe sich vieles geändert. „Ich bin bei kirchlichen Veranstaltungen oft ehrenamtlich dabei und biete mich an. Durch die Begegnung mit deutschen Mitbürgern lernen wir viel über ihre Lebensweise und was ihnen wichtig ist.“ Gleichzeitig hoffen Rami Qiddeh und seine Frau Hayat Hamame, dass im Gegenzug „auch sie viel von uns lernen können“. Und mit Blick auf die Zukunft freuen sich die Eltern: „Unsere Söhne sprechen bereits Deutsch und gehen in den Kindergarten. Und unsere Tochter Enas kommt in drei Monaten auch in den Kindergarten“. Sowohl Schule und Kindergarten als auch Alltagsbegegnungen mit hier ansässigen Menschen sieht die syrische Familie als Bausteine auf dem Weg zur Integration. Dessen ist sich auch Issam A.-Karim sicher, der unter anderem mit seinem Gastroprojekt „RED enjoy refugees best kitchen“ Flüchtlingen eine Chance gibt, etwas Konkretes aus ihren Heimatländern – nämlich kulinarische Spezialitäten – in einem öffentlichen Restaurant zu kochen, der Völkerverständigung auf lukullische Weise zu helfen – und nicht zuletzt auch damit ein Stück an Selbstwert zu gewinnen.



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